Berichte über Mikro- und Nanoplastik im menschlichen Körper haben weltweit große Aufmerksamkeit erregt und politische Diskussionen ausgelöst. Inzwischen stehen jedoch mehrere dieser häufig zitierten Studien in der Kritik. Wissenschaftler aus der analytischen Chemie und der Umweltforschung weisen darauf hin, dass es bei den Untersuchungen methodische Schwächen und mögliche Fehlinterpretationen gibt. Dadurch stellt sich die grundlegende Frage, wie verlässlich der derzeitige Forschungsstand ist und welche Aussagen sich daraus tatsächlich für den Schutz der Gesundheit und für politische Entscheidungen ableiten lassen.
Methodische Probleme und der Verdacht auf Fehlmessungen
Ein Hauptproblem vieler dieser Studien liegt darin, wie die Messungen durchgeführt wurden. Bevor Ergebnisse veröffentlicht werden, müssen Forschende eigentlich sorgfältig prüfen, ob ihre Proben sauber sind und nicht von außen verunreinigt wurden. In einigen Fällen wurden solche Kontrolltests jedoch gar nicht oder nur unzureichend durchgeführt. Dadurch besteht die Gefahr, dass Kunststoffpartikel, die im Labor aus der Luft, von Geräten oder aus der Umgebung stammen, fälschlich als Mikroplastik im menschlichen Körper interpretiert wurden.
In einer formellen Kritik an einer viel beachteten Studie zum Nachweis von Mikroplastik im Gehirn bemängelten Wissenschaftler, dass „begrenzte Kontaminationskontrollen und fehlende Validierungsschritte“ die Zuverlässigkeit der Ergebnisse in Frage stellen.
Der Chemiker Roger Kuhlman, früher beim Kunststoffkonzern Dow Chemical, bezeichnete die Zweifel an mehreren Publikationen als „eine wirkliche Bombe“, weil sie das Vertrauen in viele bisherige Ergebnisse erschüttern könnten.
Umgekehrt weisen Forscher, deren Arbeiten kritisiert wurden, darauf hin, dass das Feld noch jung und methodisch nicht standardisiert sei und weitere Entwicklung brauche — etwa bessere analytische Verfahren und mehr Zusammenarbeit zwischen Fachdisziplinen.
Umstrittene Studien zu Gehirn, Blut und Organen
Mehrere untersuchte Studien meldeten den Nachweis von Mikroplastik in verschiedenen Körperregionen — darunter Gehirn, Blut, Arterien und reproduktive Organe — und erreichten dadurch große mediale Aufmerksamkeit.
Eine prominent kritisierte Arbeit berichtete, dass Mikroplastik-Konzentrationen im Gehirn von Verstorbenen über mehrere Jahrzehnte gestiegen seien. Doch in einer so genannten „Matters arising“-Stellungnahme wiesen Forscher darauf hin, dass messmethodische Schwächen vorlägen, die Ergebnisse verfälschen könnten.
Der Chemiker Dr. Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung äußerte sich in einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian besonders deutlich zu der Studie. Er bezeichnete die Arbeit als „wirklich schlecht“ und verwies darauf, dass Fettgewebe bei bestimmten Messverfahren ähnliche Signale erzeugen kann wie Polyethylen. Da das menschliche Gehirn zu einem großen Teil aus Fett besteht, sei der gemeldete Nachweis von Mikroplastik nach seiner Einschätzung auch biologisch erklärbar, ohne dass tatsächlich Kunststoffpartikel vorhanden sein müssen.
Weitere Arbeiten, die Mikroplastik in Arterien-Plaques mit einer erhöhten Gefahr für Herzinfarkte und Schlaganfälle in Verbindung brachten, wurden ebenfalls für mangelnde Kontrollproben kritisiert
Auch Untersuchungen zu Mikroplastik in Hoden, Arterien oder im Blut wurden nachträglich in Fachzeitschriften kritisiert. In mehreren Fällen fehlten systematische Tests, um auszuschließen, dass die gemessenen Partikel bereits vor oder während der Probenentnahme in das Material gelangten. Einige der betroffenen Forscher verteidigten ihre Arbeit und räumten zugleich ein, dass die Messungen mit großen Unsicherheiten behaftet seien.
Die Debatte wird zunehmend öffentlich geführt. In sogenannten Matters-arising-Stellungnahmen äußern Fachkollegen formell Zweifel an veröffentlichten Arbeiten. Für die betroffenen Studien bedeutet das keine automatische Widerlegung, wohl aber eine erhebliche Relativierung ihrer Aussagekraft.
Biologische Plausibilität und Grenzen der Messtechnik
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die biologische Plausibilität der gemeldeten Mengen. Einige Studien berichten von überraschend hohen Konzentrationen von Mikroplastik in Organen. Fachleute bezweifeln jedoch, dass Partikel im Größenbereich von mehreren Mikrometern in nennenswertem Umfang die Darmwand oder die Blut Hirn Schranke überwinden können.
Besonders umstritten ist der Einsatz der Methode Py-GC-MS, bei der Proben erhitzt und die entstehenden Gase analysiert werden. Bestimmte Moleküle, die dabei entstehen, können sowohl aus Kunststoffen als auch aus menschlichem Fettgewebe stammen. Ohne zusätzliche Kontrollschritte ist eine eindeutige Zuordnung kaum möglich.
Nanoplastik, das theoretisch leichter biologische Barrieren überwinden könnte, entzieht sich derzeit weitgehend der direkten Messung. Die Instrumente, die in der Umweltforschung eingesetzt werden, sind für Partikel in diesem Größenbereich oft nicht empfindlich genug. Damit bleibt offen, ob das eigentliche Risiko möglicherweise in einem Bereich liegt, der bislang kaum erfasst werden kann.
Warum der Nachweis von Mikroplastik so schwierig ist
Mikro- und Nanoplastikpartikel sind extrem klein und kommen in nahezu jeder Laborumgebung vor. Schon Kleidung, Laborluft oder Kunststoffgeräte können Proben verunreinigen. Ohne konsequente Kontrollen ist es daher kaum möglich zu unterscheiden, ob Partikel tatsächlich aus dem menschlichen Körper stammen oder erst während der Analyse eingetragen wurden.
Risiken für Politik, Öffentlichkeit und Glaubwürdigkeit der Forschung
Unsichere Daten können weitreichende Folgen haben. Einerseits besteht die Gefahr, dass politische Entscheidungen auf einer fragilen Evidenzbasis getroffen werden. Andererseits könnten methodisch schwache Studien von Lobbygruppen genutzt werden, um berechtigte Umwelt- und Gesundheitsbedenken pauschal als unbegründet darzustellen.
Mehrere Wissenschaftler warnen zudem vor unnötiger Verunsicherung der Bevölkerung. Berichte über angeblich stark steigende Plastikmengen im Körper hätten bereits dazu geführt, dass fragwürdige Behandlungen angeboten werden, die versprechen, Mikroplastik aus dem Blut zu entfernen. Für solche Verfahren gibt es bislang keinerlei wissenschaftlichen Beleg.
Gleichzeitig betonen Forscher, dass die Kritik kein Freibrief für Entwarnung ist. Plastikproduktion und Umweltbelastung nehmen weiter zu, und die gesundheitlichen Folgen von Kunststoffen und ihren Zusatzstoffen gelten als reales Problem. Entscheidend sei jedoch, zwischen gesichertem Wissen und vorläufigen Hypothesen zu unterscheiden und die Qualität der Messungen systematisch zu verbessern.
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Was derzeit als gesichert gilt und was offen bleibt
In der Fachwelt herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Mensch regelmäßig Mikroplastik aufnimmt. Unklar ist jedoch, in welchem Umfang diese Partikel im Körper verbleiben und welche gesundheitlichen Effekte daraus resultieren. Mehrere Experten gehen davon aus, dass ein Großteil wieder ausgeschieden wird, belastbare Langzeitdaten fehlen jedoch.
Die Forschung arbeitet inzwischen an strengeren Protokollen, an Kombinationen mehrerer Messmethoden und an international abgestimmten Standards. Ziel ist es, die große Unsicherheit bei Mengenangaben zu verringern. Erst dann lasse sich seriös beurteilen, ob Mikroplastik im Körper vor allem ein messbares Phänomen oder ein relevantes Gesundheitsrisiko darstellt.
Bis dahin raten Fachleute zu Augenmaß. Der Verzicht auf stark erhitzte Lebensmittel in Kunststoffbehältern oder der Einsatz einfacher Wasserfilter könne die Aufnahme reduzieren. Panik oder kostspielige Behandlungen seien dagegen nicht angebracht.
Weiterführende Quellen
https://www.nature.com/articles/s41591-024-03453-1
https://www.bfr.bund.de/presseinformation/mikroplastik-was-wissen-wir-heute/
https://www.nature.com/articles/d41586-025-00405-8
Tom ist der Hauptautor von beachtenswert.info und freut sich immer über Feedback. Mit journalistischer Erfahrung seit 2012, als Buchautor aktiv und mit großer Passion für das Weltenbummeln (mit Betonung auf Bummeln.)

