In den Gebirgsketten von Malawi und Mosambik verbirgt sich ein ökologischer Schatz, der Millionen von Jahren unberührt blieb. Das South East Africa Montane Archipelago (SEAMA) besteht aus rund 30 isolierten Inselbergen, die wie grüne Festungen aus der Savanne ragen. Diese „Himmelsinseln“ beherbergen hunderte Arten, die weltweit exklusiv dort vorkommen. Doch neue Daten belegen eine dramatische Zerstörung: Seit der Jahrtausendwende schwinden die Waldflächen durch Brandrodung in rasantem Tempo. Wissenschaftler fordern nun dringende Schutzmaßnahmen, um dieses einzigartige Labor der Evolution vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren.
Das Phänomen dieser Bergwälder lässt sich bis zum Beginn des Oligozäns vor etwa 30 Millionen Jahren zurückverfolgen. Damals war weite Teile Afrikas von dichten Regenwäldern bedeckt, bevor klimatische Umwälzungen die Landschaft in trockene Grasländer verwandelten. Während die Vegetation im Flachland verschwand, retteten sich die feuchtigkeitsliebenden Ökosysteme auf die Gipfel der Inselberge.
Dort oben herrscht ein Mikroklima, das wie eine natürliche Klimaanlage funktioniert. Wenn warme Luftmassen gegen die steilen Flanken der Berge prallen, steigen sie auf, kühlen ab und kondensieren. Das Ergebnis sind regelmäßige Niederschläge und Nebelbildung, die den Fortbestand der antiken Wälder sichern. Diese klimatische Isolation hat dazu geführt, dass sich die Evolution auf jedem Gipfel individuell entwickelte.
Das Phänomen der Inselbergs
Ein Inselberg (vom deutschen Wort übernommen) ist eine isolierte Erhebung, die sich abrupt aus einer flachen Umgebung erhebt. Im Falle des SEAMA-Archipels wirken diese Formationen wie ökologische Gefängnisse und Zufluchtsorte zugleich. Da der Austausch von Tier- und Pflanzenarten mit dem umliegenden Flachland durch die Hitze und Trockenheit der Savanne unterbunden wird, entstehen isolierte Genpools, die über Jahrmillionen hinweg völlig neue Arten hervorbringen.
Lebensraum einzigartiger Pflanzenarten
Die biologische Bilanz dieser Isolation ist beeindruckend und wurde erst kürzlich in einer umfassenden Studie in Scientific Reports dokumentiert. Bisher haben Forscher im SEAMA-Archipel 127 einzigartige Pflanzenarten identifiziert, die nirgendwo sonst auf der Erde existieren. Hinzu kommen 45 Wirbeltierarten, darunter seltene Amphibien, Reptilien und Vögel, sowie 45 wirbellose Tierarten wie Schmetterlinge und Süßwasserkrabben.
Besonders spektakulär ist die Entdeckung zweier völlig neuer Gattungen, die als Relikte vergangener Epochen gelten. Ein Beispiel ist das Chamäleon der Art Nadzikambia baylissi, das sinnbildlich für die Fragilität dieses Lebensraums steht. Diese Lebewesen sind hochgradig an ihre spezifische Nische angepasst. Verändert sich das Mikroklima auf ihrem Berg nur minimal, droht der unmittelbare Verlust einer gesamten Spezies, da sie nicht in kühlere Regionen abwandern können.
Die größte Gefahr für dieses Naturerbe ist heute jedoch menschgemacht. Satellitendaten von Organisationen wie PlanetLabs zeigen, dass das SEAMA-Archipel seit dem Jahr 2000 im Durchschnitt 18 Prozent seiner Waldbedeckung verloren hat. In besonders kritischen Zonen liegt der Verlust sogar bei über 40 Prozent. Hauptursache ist die traditionelle Brandrodung, die von der lokalen Bevölkerung zur Gewinnung von Ackerland genutzt wird.
Wenn die Waldränder, die sogenannten Ökotone, abbrennen, verliert der Kern des Waldes seinen Schutzwall gegen Wind und Austrocknung. Der Boden kann die Feuchtigkeit der Nebelkondensation nicht mehr speichern, Nährstoffe werden ausgewaschen und die Regenerationsfähigkeit der Bäume sinkt gegen Null. Es entsteht ein Domino-Effekt: Ohne intaktes Unterholz verschwinden die Insekten, was wiederum die Vögel und Reptilien ihrer Nahrungsgrundlage beraubt.
Ein effektiver Schutz der Himmelsinseln ist nur möglich, wenn die Bedürfnisse der Menschen in Malawi und Mosambik berücksichtigt werden. Die Wissenschaftler betonen, dass reine Verbotsschilder nicht ausreichen werden. Es bedarf einer Transformation der landwirtschaftlichen Methoden hin zu nachhaltigeren Systemen, die ohne großflächiges Abbrennen auskommen. Vorbilder finden sich in Tansania, wo bereits erfolgreich Waldreservate mit lokaler Beteiligung etabliert wurden.
Wissenswerte Fakten zum SEAMA-Archipel
| Kategorie | Daten / Fakten |
| Gesamtfläche der Region | ca. 10 Millionen Hektar |
| Fläche der 30 Inselberge | 336.200 Hektar |
| Endemische *Pflanzen | 127 Taxa |
| Endemische* Wirbeltiere | 45 (davon viele Amphibien & Reptilien) |
| Höchster Waldverlust | Bis zu 43 % in einzelnen Clustern seit 2000 |
| Herausragende Art | Nadzikambia baylissi (Mount Mabu Chamäleon) |
| Primärquelle | Scientific Reports / Nature (2024) |
| * In der Biologie bezeichnet „endemisch“ Pflanzen oder Tiere, die nur in einem begrenzten Gebiet natürlich vorkommen und nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind. |
Die internationale Gemeinschaft steht hier in der Pflicht, die notwendigen Mittel für eine solche Agrarwende bereitzustellen. Nur wenn es gelingt, die Pufferzonen um die Berge zu stabilisieren, können die Inseln im Himmel auch in Zukunft als lebendige Archive der Erdgeschichte bestehen bleiben. Das Zeitfenster für diese Interventionen schließt sich jedoch zusehends, da der Klimawandel die Trockenperioden in der Region weiter verschärft.
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Tom ist der Hauptautor von beachtenswert.info und freut sich immer über Feedback. Mit journalistischer Erfahrung seit 2012, als Buchautor aktiv und mit großer Passion für das Weltenbummeln (mit Betonung auf Bummeln.)

