Jahrzehntelang galt das Verhältnis zwischen Neandertalern und modernen Menschen als geprägt von Konkurrenz und Verdrängung. Eine neue Studie zur Tinshemet-Höhle in Zentralisrael zeichnet ein grundlegend anderes Bild: Die beiden Menschenarten koexistierten nicht nur, sie tauschten Werkzeuge aus, jagten gemeinsam und entwickelten ähnliche Bestattungsrituale. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Nature Human Behaviour, gelten als einer der bedeutendsten paläoanthropologischen Funde der letzten Jahrzehnte und stellen bisherige Annahmen über die Frühgeschichte der Menschheit grundlegend in Frage.
Die Entdeckung in der Tinshemet-Höhle
Die Tinshemet-Höhle – auf Arabisch Mugharet Al Watwat, „Fledermaus-Höhle“ – liegt in den Hügeln Zentralisraels, nahe der Stadt Shoham. Seit 2017 graben dort Teams der Hebräischen Universität Jerusalem und der Universität Tel Aviv unter der Leitung von Prof. Yossi Zaidner, Prof. Israel Hershkovitz und Dr. Marion Prévost.
Was sie fanden, übertraf alle Erwartungen: fünf menschliche Bestattungen aus der Zeit vor rund 110.000 Jahren. Es sind die ersten Gräber dieser Epoche, die seit mehr als fünfzig Jahren weltweit entdeckt wurden. Gemeinsam mit den Skeletten lagen Steinwerkzeuge, Tierknochen und Ocker – ein rötliches Mineral.
Die Ausgrabungsschichten datieren auf einen Zeitraum zwischen etwa 130.000 und 80.000 Jahren vor heute. In dieser Phase lebten in der Region sowohl Neandertaler als auch frühe Homo sapiens – also anatomisch moderne Menschen. Genau dieses Nebeneinander machte die Höhle für die Forschung so wertvoll.
110.000
Jahre alt
5
Bestattungen gefunden
seit 2017
laufende Ausgrabung
50+ Jahre
erste Funde dieser Art
Gemeinsame Werkzeuge und Jagdstrategien
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Steinwerkzeuge. Beide Menschengruppen verwendeten die sogenannte Levallois-Technik – ein aufwendiges Verfahren, bei dem ein Steinblock so präpariert wird, dass man mit einem gezielten Schlag eine gleichmäßige, scharfkantige Klinge abschlagen kann. Diese Technik erfordert Vorausplanung und Erfahrung.
Dass beide Gruppen dieselbe Methode beherrschten, ist laut den Forschern kein Zufall. Es spricht dafür, dass Wissen direkt weitergegeben wurde – von Mensch zu Mensch, über Artgrenzen hinweg. Parallel dazu zeigen die Tierknochen in der Höhle, dass beide Gruppen dieselben Beutetiere jagten: Auerochsen, Pferde und Hirsche.
Die Ähnlichkeit in Technologie und Jagdverhalten deutet auf intensiven Kontakt hin. Ob es sich um gemeinsame Jagdzüge handelte oder um das schrittweise Übernehmen bewährter Methoden, lässt sich anhand der heutigen Befunde noch nicht abschließend sagen. Die Richtung aber ist eindeutig: Kooperation prägte diese frühe Begegnung.
Bestattungen und Ocker – die ältesten Rituale der Menschheit
Besonders bemerkenswert sind die Bestattungen. Die Verstorbenen lagen in Fötushaltung – auf der Seite, die Knie zur Brust gezogen. Diese Position findet sich an mehreren Fundorten der Region aus derselben Zeit, darunter die Höhlen Skhul und Qafzeh. Offenbar teilten Neandertaler und Homo sapiens im Levante-Raum eine gemeinsame Vorstellung davon, wie man die Toten zu behandeln hat.
Auffällig ist zudem die große Menge an Ocker-Fragmenten in der Höhle. Das rötliche Mineral wurde teilweise aus weit entfernten Quellen herangeschafft – kein Aufwand, den man für praktische Zwecke betreiben würde. Forscher gehen davon aus, dass Ocker zur Körperbemalung diente und soziale Identität ausdrückte: ein früher Vorläufer von Symbolen und Sprache.
„Unsere Daten zeigen, dass menschliche Verbindungen und Bevölkerungsinteraktionen grundlegend für kulturelle und technologische Innovationen waren – durch die gesamte Geschichte hindurch.“
— Prof. Yossi Zaidner, Hebräische Universität Jerusalem
Die Häufung von Bestattungen an einem Ort wirft eine weitere spannende Frage auf: Könnte die Tinshemet-Höhle eine Art Friedhof gewesen sein – ein Ort, der bewusst für die Totenruhe ausgewählt wurde? Wenn ja, wäre das ein Hinweis auf organisierte Rituale und starke Gemeinschaftsbindungen, die vor 110.000 Jahren bereits existierten.
Das Levante als Schmelztiegel der frühen Menschheit
Warum gerade Israel? Die Antwort liegt in der Geografie. Die Levante – das heutige Israel, Libanon, Syrien und Jordanien – liegt am Schnittpunkt dreier Kontinente. Wer aus Afrika nach Eurasien wanderte, musste durch diese Region. Sie war nicht nur eine Durchgangsstation, sondern ein natürlicher Treffpunkt verschiedener Menschengruppen.
Dr. Marion Prévost erklärt den Zusammenhang: Klimatische Verbesserungen im mittleren Paläolithikum steigerten die Tragfähigkeit der Region. Mehr Ressourcen bedeuteten mehr Menschen – und mehr Kontakt zwischen verschiedenen Gruppen. In diesem Umfeld entstanden Austausch und gegenseitige Beeinflussung beinahe zwangsläufig.
Prof. Zaidner beschreibt das Gebiet als „Schmelztiegel“, in dem verschiedene Menschenpopulationen zusammenkamen und sich gegenseitig prägten. Diese Interaktionen, so die Forscher, trieben nicht nur kulturelle, sondern auch genetische Annäherung voran. Dass heutige Menschen außerhalb Afrikas einen kleinen Anteil Neandertaler-DNA tragen, passt zu diesem Bild.
Was der Fund für unser Bild vom Menschen bedeutet
Die Tinshemet-Studie reiht sich in eine Reihe von Entdeckungen ein, die das klassische Bild von Neandertalern als primitive Vorläufer des modernen Menschen zunehmend korrigieren. Schon frühere Untersuchungen zeigten, dass Neandertaler Höhlenmalereien schufen, Schmuck herstellten und Tote bestatteten. Der neue Fund geht noch weiter: Er zeigt, dass der Austausch zwischen den Arten gezielt und intensiv war.
Für die Wissenschaft stellt sich nun die Frage, ob an diesem Ort auch eine genetische Vermischung stattfand. DNA-Analysen der Skelette sind geplant, Ergebnisse stehen noch aus. Doch auch ohne Gentest sind die kulturellen Belege eindeutig: Neandertaler und Homo sapiens lernten voneinander, adaptierten Ideen und entwickelten gemeinsam komplexe soziale Praktiken.
Die Geschichte der Menschheit, so zeigen diese Funde, war von Anfang an keine Geschichte der Isolation – sondern eine Geschichte der Begegnung.
Weiterführende Quellen
- Nature Human Behaviour – Originalstudie zur Tinshemet-Höhle
- ScienceDaily – Pressemitteilung der Hebräischen Universität Jerusalem
- EurekAlert – Wissenschaftliche Zusammenfassung der Studie
- Max-Planck-Institut – Neandertaler und symbolisches Verhalten
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Tom ist der Hauptautor von beachtenswert.info und freut sich immer über Feedback. Mit journalistischer Erfahrung seit 2012, als Buchautor aktiv und mit großer Passion für das Weltenbummeln (mit Betonung auf Bummeln.)

