Jane Roberts: Das Medium und die Seth-Bücher

Eine Darstellung des Jenseits

Wer an Jenseitsmedien denkt, dem kommt so manche Filmszene Hollywoods ins Gedächtnis. Ein anderer denkt an den großen Spiritismus-Boom in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Namen wie Edgar Cayce oder Helena Blavatsky prägten das hohe öffentliche Interesse an den Jenseitskontakten – oder solchen, die vorgaben, dazu fähig zu sein.

Die seit Anfang der 1970er Jahre veröffentlichten Seth-Bücher der New Yorkerin Jane Roberts  (1929 – 1984) markieren einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Mediumismus. Denn Roberts‘ Werke waren eine Abkehr von den „Jenseitskontakten“ als einer Kommunikationsform mit einem religiös behafteten Sammelbegriff „Jenseits“.

Die Seth-Bücher griffen vielmehr Themen der persönlichen Entwicklung, der Bewusstseinserweiterung und der Metaphysik auf. Im Gegensatz zu vielen anderen medial vermittelten Botschaften konzentrierte sich die Seth-Literatur nicht auf die Vorstellung eines himmlischen Jenseits oder einer festen spirituellen Hierarchie, sondern ermutigte die Menschen, ihr eigenes inneres Selbst zu erforschen und zu entwickeln.

Im Dialog mit Seth

Das Einzigartige an Jane Roberts‘ Arbeit war nicht nur der Inhalt der Botschaften, sondern auch die Methodik. Obwohl Jane Roberts in eine Trance verfiel und dazu ihre eigenen bewusstseinsverändernden Techniken nutzte, waren die Sitzungen nicht wie es für spiritistische Sitzungen üblich war, reglementiert und in Obskurität gehüllt.

In der Regel fanden die Seancen im Wohnzimmer von Jane Roberts statt. Roberts saß in einem Schaukelstuhl in einem hell ausgeleuchteten Raum und bereitete sich auf die Sitzung vor, während ihr Lebensgefährte Robert Butts für das Aufzeichnen zuständig war. Die Teilnehmer der Seth-Sitzungen berichteten später von einer lockeren Atmosphäre während der Treffen.

Die Kommunikation mit Seth ging als Dialog vonstatten. Die Seth-Materialen stellen dabei Dialoge zwischen der durch Jane Roberts sprechenden Seth-Persönlichkeit und Robert Butts dar. Seth, wie er in den Büchern von Jane Roberts genannt wird, stellte sich als eine „Energiepersönlichkeitsessenz“ vor, die nicht mehr in der physischen Realität inkarniert ist.

Er präsentierte sich nicht als göttliches oder allwissendes Wesen, sondern eher als eine Art Lehrer oder Führer, der Einblicke in die Natur der Realität, des Bewusstseins und der menschlichen Existenz bietet. Seth betonte in den Gesprächen, dass er einst selbst ein Mensch war und durch eine Reihe von Inkarnationen Erfahrungen gesammelt hat, die er nun in seiner nicht-physischen Form weitergibt.

Jane Roberts ging, anders als viele andere Medien, nicht in eine tiefe Trance, sondern blieb in einem veränderten Bewusstseinszustand, der es ihr ermöglichte, die Botschaften von Seth zu empfangen und gleichzeitig Fragen zu stellen oder zu kommentieren. Diese Methode wurde als „automatisches Schreiben“ oder „bewusstes Channeling“ bezeichnet und unterschied sich von anderen Formen des Mediumismus, in denen das Medium oft keine aktive Rolle im Kommunikationsprozess spielt.

Die Art der Kommunikation war oft dialogisch und interaktiv, wobei Seth auf Fragen von Jane Roberts oder anderen Anwesenden antwortete. Die Themen reichten von Metaphysik und Kosmologie bis hin zu praktischen Anliegen wie Gesundheit, Beziehungen und persönliche Entwicklung. Seths Sprache war komplex, aber zugänglich, und er verwendete oft Analogien und Beispiele, um seine Konzepte zu verdeutlichen.

Metaphysische Konzepte

In den Büchern werden Konzepte wie die „Schaffung der eigenen Realität“, die Wichtigkeit und die multidimensionale Natur des menschlichen Bewusstseins behandelt. Obgleich diese Konzepte in keiner der abrahamitischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) vertreten sind, haben sie eine gewisse Nähe zu den vedischen Schriften Indiens.

In den vedischen Schriften, insbesondere in der Philosophie des Advaita Vedanta, wird die Idee des „Atman“ oder des wahren Selbst als die grundlegende Realität beschrieben. Das Konzept von „Maya“ deutet darauf hin, dass die physische Welt eine Illusion oder ein Spiel des Bewusstseins ist. In dieser Sichtweise hat das Individuum die Fähigkeit, durch Erkenntnis (Jnana) oder bewusste Handlung (Karma) seine eigene Realität zu beeinflussen.

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Ähnlich legen die Seth-Bücher nahe, dass das menschliche Bewusstsein nicht nur ein passiver Beobachter ist, sondern aktiv an der Schaffung der eigenen Realität teilnimmt. Die Idee, dass Gedanken und Überzeugungen die materielle Welt formen können, ist ein Kernstück der Seth-Literatur.

Kritik an den Seth-Büchern

Die Seth-Bücher und Jane Roberts haben eine breite Palette an Kritik erfahren, die weit über die paranormale Gemeinschaft hinausgeht. Charles Upton, ein Dichter und Essayist, argumentierte in seiner Sammlung „The System of Antichrist“, dass Roberts‘ Konzept des „multiplizierten Selbst“ aus einer Todesangst heraus entstanden sei. Er behauptet, dass die Seth-Texte auf Missverständnissen sowohl des Christentums als auch östlicher Religionen basieren.

James E. Alcock, ein Professor für Psychologie und bekannter Kritiker der Parapsychologie, hat die Seth-Materialien als „weniger als gewöhnlich“ bezeichnet. Er äußerte Zweifel an der Authentizität der Materialien und meinte, dass sie entweder auf Betrug oder auf unbewusste Produktion zurückzuführen seien, ohne dass eine übernatürliche Agentur in Betracht gezogen werden müsse.

Religiöse Gruppen haben ebenfalls Kritik geäußert. John MacArthur, Moderator einer syndizierten christlichen Talkshow, bezeichnete das Seth-Material als „vollständig von einem Dämon geschrieben“. Die New Age Urantia Foundation betrachtet die Bücher als Beleg für „Teufelsbesessenheit“. Zudem gibt es Videos, die behaupten, Seth sei ein „Dämon aus der Hölle“, kontaktiert durch ein Ouija-Brett.

Die Wissenschaftsautorin Karen Stollznow merkte an, dass Roberts‘ Werk oft als Plagiat christlicher und östlicher Philosophien kritisiert wurde. Sie stellt fest, dass Seth Autoren wie Deepak Chopra und Louise Hay beeinflusst haben könnte, obwohl das nicht definitiv belegt ist.

Nach Roberts‘ Tod haben zudem andere Personen behauptet, Seth zu channeln, was die Integrität des Originalmaterials in Frage stellt. In „Seth Speaks“ hatte Seth selbst darauf hingewiesen, dass die Kommunikation ausschließlich durch Jane Roberts erfolgen würde, um die Integrität des Materials zu schützen.

Was übrig bleibt

Die Seth-Bücher von Jane Roberts haben einen prägenden Einfluss auf die esoterische und spirituelle Landschaft hinterlassen. Sie beeinflussten maßgeblich das New-Age-Denken und inspirierten zahlreiche Autoren in ihrer Betonung von Selbstermächtigung und individueller Spiritualität.

Durch die Verbreitung des Konzepts, dass das Individuum seine eigene Realität schafft, haben die Seth-Bücher auch das moderne Verständnis von Mediumismus und bewusstem Channeling erweitert. Trotz anhaltender Kontroversen bieten die Bücher eine fruchtbare Perspektive auf die menschliche Ausseinandersetzung mit der Natur des Bewusstseins,

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Über Jan 157 Artikel
Jan ist der Hauptautor von beachtenswert.info und freut sich immer über Feedback. Mit journalistischer Erfahrung seit 2012, als Buchautor aktiv und mit großer Passion für das Weltenbummeln (mit Betonung auf Bummeln.)